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Donnerstag, 6. September 2012

Schwanger mit Systemik

Besonders in der ersten Schwangerschaft ging es mir wie den meisten Frauen: Kaum wusste ich um meine anderen Umstände, war die Welt voller schwangerer Frauen. Mit Chemo ist es genauso: Auf einmal tragen viel mehr Frauen Kopftücher und Perücken. Ditto Systemik - überall Spuren und Zeichen und Verwandtschaften:

z.B. Kleist: "Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken sind  grün - und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint."

z.B Carolyn Christov-Bakargiev, Kuratorin der  diesjährigen Documenta (von manchen als dogumenta bezeichnet, weil es allerhand Hundekunst zu sehen gibt): "Mich interessiert, wie Wissen entsteht...Mein größter Einfluss ist der griechische Philosoph Sextus Empiricus... er sagte: Wir können niemals festes Wissen haben, wir können die Realität nicht erkennen, und wir wissen nicht, wie zum Beispiel ein Hund die Wirklichkeit sieht. aber wir können Trödelmarkt nach Wissen suchen.... Ich möchte ... etwas sehr Schwieriges versuchen: Der Prozess des Künstlerischen soll sich emanzipieren von Vorgaben, die Autorität des Künstlerischen soll gestärkt werden"  (Ersetze Künstlerisch durch  Lernender und das wäre dann genau das Ziel für die Schulentwicklung.)
"Es wäre schön, wenn eine Haltung entsteht, nämlich, dass es in Ordnung ist, alles, was man angeblich weiß, durcheinanderzuwirbeln, und noch einmal von vorne anzufangen."
z.B.: Tino Seghal, ein deutscher  Konzeptkünstler, der in der Turbinenhalle im Modern Tate in London eine sehr systemisch anmutende Arbeit zeigt (darüber habe ich nur gelesen, er hat auch was auf der documenta, das hoffe ich am Samstag zu sehen) 70 "Erklärer" - Laien und professionelle Tänzer aus London - bewegen sich in bestimmten Formationen durch die Halle, singen, und verwickeln die Besucher in Dialoge. All das übt er vorher mit den Beteiligten ein: Welche Momente in Eurem Leben fallen Euch ein, in denen ihr ein Gefühl von Ankommen, von Sehnsucht, von Zufriedenheit und von Unzufriedenheit hattet? Dennoch ist das Ergebnis, der Effekt, das Kunstprodukt nicht vorhersehbar, denn es entsteht immer wieder in der Interaktion. So tanzt ein Besucherpaar, das vergeblich versucht hat, einen geraden gemeinsamen Weg durch die Tänzer zu finden, auf einmal lachend einen Walzer. So  richtig passt Tino Seghal in keine Schublade, "Konzept", ja schon, irgendwie auch Performance, aber diese Bezeichnung mag er nicht: "Das Konzert, die Kirche, das Theater passen irgendwie nicht mehr in unsere Zeit. Im Theater machst Du einmal  etwas für 800 Leute, aber wir könnten 800 Mal etwas für eine Person tun."  Genau den Wandel wollen wir doch auch in der Schule hinkriegen: Unterricht, in dem jedes einzelne Kind jeden Tag seine eigene Lernlandschaft durchwandert - mal allein, mal zu zweit, mal in Gruppen. Lernsituation, die gut vorbereitet sind, und zwar mit dem Ziel, unterschiedliche Lernerfahrungen möglich zu machen, so dass der Ausgang offen ist. 
Der New Yorker-Artikel über Tino Seghal heißt "The Question Artist" - Fragen stellen, die dazu führen, dass neue Perspektiven, Denkformen, Erlebnisse, Erfahrungen möglich werden. Das sehe ich als Kern systemischen Denkens, und das definiert auch Lernen. 



Mittwoch, 15. August 2012

"Nichtstun...

Und was sich daraus machen lässt" heißt das Augustheft von dem Wirtschaftsmagazin brand eins. Ich kaufe es in der lustlosen Stimmung nach der (letzten!!!) Chemo - weil ich ja seit der Diagnose am 29. März mal wieder versuche, Expertin dafür zu werden. Mit wechselndem Erfolg, wie schon beim ersten Langzeitversuch in der Kinder-Auszeit. Nichtstun ist nämlich nicht wirklich leicht, eigentlich gehört es auch zu den Dingen, die wir als Kinder wunderbar können, und später dann zu oft mit schlechtem Gewissen absolvieren, mit Medienkonsum wegdrücken oder mit Erlebnis-Konsum vollstopfen.

Vorbilder: Vincent, Tinu und Joni am Chiemsee
Ich blättere also mäßig aufmerksam durch das Heft und lande bei dem Artikel "Unternehmen lassen. Wie bereiten wir Menschen auf eine Welt vor, die wir nicht kennen?- Ausblicke in die Bildungslandschaft von morgen." Aha, mal wieder ein Artikel über Schülerfirmen, denke ich, ein Thema, dem ich ambivalent gegenüberstehe: Einerseits sehe ich darin Möglichkeiten für Schüler, zu gestalten, etwas "Echtes" zu tun, Erfahrungen zu machen, andrerseits fände ich es schade, wenn uns Pädagogen als einziger neuer Motivationsmotor nur Gewinnstreben einfiele.
Doch der Artikel bringt es dann doch genau auf den Punkt: "Wie werden Menschen, egal welchen Alters, wissbegierig? Wie weckt man ihr Interesse? Wie hilft man ihnen, etwas zu entdecken, für das sich sich begeistern können?" Bei Schülern gelingt mir das immer mal wieder ganz gut, die ursprüngliche Neugier und Experimentierlust und Lebensfreude hält sich ja auch im Standardschulbetrieb zäh bis in höhere Klassen, schwieriger wird es aber bei Kollegen. Und doch finde ich gerade das eine ganz wichtige Frage: Welche Erfahrungen können es Kollegen mit 5, 10, 20 Dienstjahren auf dem Buckel ermöglichen, den Punkt in sich zu finden, wo sie trotz Schulalltag, im Schulalltag Lust haben auf Veränderung? Welchen Rahmen, welchen Raum der Wünsche (Harry Potter, Band 5, siehe späterer Post) könnte man dazu anbieten? Wenn ich den Schülern gegenüber eine neue Haltung einnehme (von dem brand eins Autor Carsten Jasner so zusammengefasst: "Die Schule macht Angebote, aber der Schüler entscheidet, was er braucht. Der Lehrer steht ihm bei, nicht mehr vor. Der Lernende als Entdecker und Abenteurer."), dann möchte ich ja mit genau dieser Haltung auch dem Schulentwicklungsprozess begegnen.
Tabu scheint mir für den Anfang alles, was mehr Arbeit macht und lästig ist: Formulare, Strukturpläne, Reporting. Hilfreich ist alles, was Beziehungen untereinander stärkt: Lehrerausflüge, Wandernachmittage, Gespräche im Lehrerzimmer jenseits von Klagen und Frust ablassen, Studienfahrten und Ausflüge, bei denen Zeit ist, miteinander zu reden, vor allem aber: eine Variante von Water-Cooler-Kultur. Wenn wir uns diesen Freiraum schaffen würden, ernsthaft,  dann müsste schon mal das ganze Stundenplangehetze über Bord gehen! Weil wir dann eben mal im Lehrerzimmer vorbeikämen, um dies oder das zu organisieren oder zu tun, während die Schüler sich sinnvoll selbstorganisiert beschäftigen, und dabei spontan ein Pläuschchen mit dem Kollegen halten können. Das wäre dann genau so ein Moment von Nichtstun, aus dem was werden könnte, weil eben diese eine Idee nur in diesem einen Moment in der Begegnung zwischen diesen Menschen geboren werden konnte.